* wieso ‘minority report’ ?

Posted on November 8th, 2008 by renault. Filed under allgemein.


der name dieses blog-projekts hat nicht wirklich etwas mit dem film von steven spielberg zu tun - ich mag den film: gute story, cooler look, und ich bin immer angetan, wenn ein zukunfts-setdesign solide recherchiert ist und ich nicht von blinkenden konsolen mit tausend lichtern dran verarscht werden soll.
und scientologen als cops? naja, aber man muss auch mal fünfe gerade seit lassen, oder?

nein, ich mag den begriff ‘minority report’, er klingt gut, und er passt zu dem, was ich hier vorhabe.
ich bin nämlich teil einer minderheit.

nicht äusserlich (nordeuropäisch, ca. 1,80, alles noch dran), aber was meinen lebensstil angeht, und vor allem: durch meine sicht der dinge. vor ca. einem jahr las ich einen artikel im SPIEGEL, in dem es um die statistische definition des durchschnittlichen deutschen (natürlich zu werbezwecken; weg zum arbeitsplatz, freizeitverhalten etc.) ging, und nicht erst da wurde mir klar, wie wenig ich mit diesen leuten zu tun habe. ein anderes einschneidendes erlebnis war die fussball-wm und eingeschränkt (weil vorbereitet) die letztjährige em.

allein dass ich keinen fussball mag und das öffentlich zelebrierte hinter-einem-ball-herlaufen dämlich finde, macht mich schon zu einem freak innerhalb der männlichen deutschen bevölkerung. ich verstehe auch nicht, dass drogenmissbrauch bei sportlern (glaubt noch wer, dass nur radfahrer gedopt sind?) ok ist und bei anderen nicht. und wenn es wieder ok ist, das der mob grölend und deutschlandfahnen schwenkend durch die strassen zieht, finde ich das nicht lustig und halte das auch nicht für ein zeichen neuer deutscher lässigkeit, tut mir leid. fahnen haben so rein gar nichts mit lässigkeit zu tun, sondern mit nationalstolz und abgrenzung - beides nicht so mein ding. überhaupt nationalstolz, schon wieder sorry: ich bin stolz auf dinge, die ich gemacht habe - aber wie kann ich stolz auf etwas sein, für das ich nichts kann, wie z.b. meinen geburtsort? allenfalls bin ich dankbar, nicht in einem totalen krisengebiet aufgewachsen zu sein. 

ich bin der albtraum von werbern und statistikern: letztes auto 1995, apple user - aber nicht wegen dem schicken design oder um in der kastanienallee wohnen zu dürfen, sondern weil ich geräte mag, die einfach zu bedienen sind, mir keine deadlines verpatzen und ich es nicht so mit viren habe. aber ein iphone/ipod brauche ich deshalb nicht, tut mir leid. keine statussymbole weit und breit, äusserst geringes interesse an konsum, bei geldsegen eher neues medien-equipment, reisen und a bit of dolce vita …

ich finde, der zustand einer gesellschaft lässt sich auch ganz gut an ihrer pornographie ablesen, und wenn ich mir das karnickelhafte gerammel, aufgeklebte fingernägel und überhaupt die ganze kälte, mit der da agiert wird, anschaue, denke ich schon wieder: ohne mich.

damit das hier kein roman wird, erspare ich mir weitere beispiele aus musik, tv etc. - meine positionen dazu werden in zukünftigen artikeln noch deutlich werden. und eines will ich hier auch klarstellen: ich halte mich keineswegs für etwas besseres oder gar für elitär, nicht im geringsten. um es mit bernd begemann zu sagen: “manchmal wünsch’ ich, ich wär’ so wie ihr …”  genau, in schwachen momenten möchte ich in der masse aufgehen, genug geld haben, einen guten job (vielleicht in einer werbeagentur), gottvertrauen in obama und die demokratie, auto und iphone und urlaub mit einer netten freundin, die sich beim fremdgehen nicht erwischen lässt und vor allem die zuversicht, dass alles SCHON IRGENDWIE IMMER SO WEITERGEHEN WIRD.

aber das funktioniert nicht, genauer gesagt: der zug ist abgefahren und erinnert mich an einen ICE mit konstuktionsfehlern, in den ich nicht einsteigen möchte … stattdessen ein gefühl, das seit jahren immer stärker wird, eine innere stimme, die nicht mehr verstummen will und mir sagt, dass immer mehr dinge da draussen ganz gehörig aus dem ruder laufen und vieles sich seit einiger zeit komplett in die falsche richtung entwickelt - und das das nicht ewig so weitergehen kann. das sagt mir schon die logik und mein wissen über exponentialkurven - überhaupt sind logik und gesunder menschenverstand hilfreiche mittel, bullshit als solchen zu erkennen.

in einer gesellschaft, in der die notlüge zum kommunikationsstandard geworden ist, der begriff ‘gutmensch’ allgemein als schimpfwort akzeptiert ist und abzocke nicht bestraft, sondern belohnt wird, solange sie im anzug daherkommt, fühle ich mich manchmal wie ein alien, das auf dem falschen planeten gelandet ist. deswegen minority report. andere haben das so formuliert:

“nichts ist schwerer, und nichts erfordert mehr charakter, als sich im offenen gegensatz zu seiner zeit zu befinden und laut zu sagen: NEIN.” (tucholsky)

ich werde in diesem blog ganz bewusst das kleine (das leben um mich herum) und das grosse (sog. weltpolitik) vermischen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass diese dinge eben nicht voneinander zu trennen sind - dazu später mehr.  auch war ich z.b. immer davon überzeugt, dass sich der musikgeschmack und der charakter einer person nicht getrennt voneinander betrachten lassen und finde das immer wieder bestätigt … 

schreiben dauert, der kaffee ist kalt und die dusche ruft, deswegen:

end of file - für heute.

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One Response to “wieso ‘minority report’ ?”

  1. Rob Roy Says:

    Da habe ich mir doch glatt um diese Uhrzeit -was auch soviel bedeutet wie: ich bin todmüde- noch solch einen Artikel durchgelesen. Aber irgendwie bin ich von all den, im Grundsatz philosophisch veranlagten Sätzen nicht losgekommen.

    Habe mich auch häufig wieder erkannt. Schon allein das Fußball-Beispiel spricht mir aus der Seele.

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